Muhamed Besic: Talent, Leidenschaft und viel Pech

Muhamed Besic. Wenn man diesen Namen liest, kommen einem einige Aktionen in den Sinn. Sein unermüdlicher Einsatz im Trikot der Nationalmannschaft bei der WM 2014 in Brasilien. Als er Lionel Messi, möglicherweise der beste Spieler der Geschichte, zustellte, als hätte er im Leben nichts anderes gemacht. Er, das 21-jährige Talent, welches zum damaligen Zeitpunkt beim ungarischen Rekordmeister spielte. Dass er vor grossen Namen überhaupt keine Angst hat, trotz seines jungen Alters, hat auch Gareth Bale am eigenen Leib erfahren dürfen. Besic hielt mit ihm, einem der schnellsten Fussballer der Welt, Schritt, holte ihn ein und grätschte ihm den Ball weg – und baute das Spiel auf.

Wenn man seine Art zu spielen beschreiben müsste, dann würde ein Adjektiv wohl mit als erstes genannt: aggressiv. Oder um es in andere Worte zu fassen: hart an der Grenze, aber fair. Dass er ein temperamentvoller Spieler ist, bewies er auch einige Male. Beim Freundschaftsspiel gegen Österreich (1:1) geriet er mit Aleksandar Dragovic aneinander. Was er genau zu ihm sagte, wurde nicht überliefert, aber das Kapitän Edin Dzeko einschritt, Dragovic wutenbrannt an den Kragen ging, sollte Bände sprechen. Eine andere Szene: beim Qualifikationsspiel gegen Andorra warf er mit seinem Kaugummi einen Gegenspieler ab. “Das waren die Emotionen”, so Besic. “Aber ich kann das als professioneller Fussballer nicht machen. Es ist gut, dass man Emotionen und Leidenschaft mitbringt, aber ich muss ruhiger sein und mich mehr auf den Fussball konzentrieren”, zeigte er sich jedoch umgehend einsichtig. Dennoch: die Konsequenz? Glatt rot und zwei Spiele Sperre.. Kurz gesagt: er polarisiert. Jedoch ist er völlig zurecht ein extrem wichtiger Bestandteil der Nationalmannschaft. Wenn er fit ist, dann ist er unumstrittener Stammspieler.

 

“Ich war noch sehr jung, als ich anfing Fussball zu spielen. Das erste Mal spielte ich mit acht Jahren bei einem Verein. Ich spielte als offensiver Mittelfeldspieler (10er) bis ich 16 war, dann wurde ich in der Innenverteidigung eingesetzt, weil mein Trainer meinte ich wäre aggressiv”, so Besic über seine ersten Schritte. Dass er nun sowohl Innen- als auch Aussenverteidiger und defensiver Mittelfeldspieler sein kann, hat er diesem Umstand zu verdanken. Dazu später mehr.

Der gebürtige Berliner begann seine Karriere bei der lokalen SpVgg Tiergarten, anschliessend ging es zu den Reinickendorfer Füchsen (bis 2007) von dort aus zu Tennis Borussia Berlin (von 2007-2009) um anschliessend zum HSV zu wechseln.

Zunächst schloss er sich der U19 an, ehe er in die erste Mannschaft befördert wurde. Was der derzeitige Tabellenstand des Hamburger Sportvereins (Platz 16) nicht aussagt: die Jugendarbeit zählt zu den besten Deutschlands. Spieler wie Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Hakan Calhanoglu und Heung-Min Son sind wohl die bekanntesten Absolventen der HSV Nachwuchsakademie. Dass es beim HSV damals nicht für den endgültigen Durchbruch gereicht hat, lag zum Einen an seinem Alter und zum anderen an seiner fehlenden Disziplin. Tags zuvor verlor der HSV mit 1:2 gegen den Vfl Wolfsburg, einen Tag später fand das Training statt. Der damalige Trainer, Thorsten Fink, soll auf Besic losgegangen sein. Er habe ihn an den Kragen gepackt und aus der Kabine rausgeworfen, so berichtete die “Sport Bild”. Der Hintergrund: im Training soll der damals 19-jährige Besic wiederholt Vorgaben des Trainerteams ignoriert haben. Nachdem ihm Fink an den Kragen ging, soll er ihn gefragt haben “Wer bist Du, dass Du mich anpackst?”. Das ereignete sich im März des Jahres 2012, nach einer 96-tägigen Suspendierung wechselte er für eine Ablösesumme in Höhe von 500.000 € zu Ferencvaros Budapest.

 

Nachdem er dort ankam, sicherte er sich relativ schnell einen Stammplatz. Er überzeugte in Ungarn so sehr, dass Safet Susic ihn mit nach Brasilien nahm. Nachdem er zuvor nicht wirklich beachtet wurde und sich der ein oder andere fragte “Wer ist dieser Besic?”, ging sein Stern in Brasilien richtig auf. Zuvor spielte er bereits zehn Mal für die U21 Bosniens. Er debütierte am 03.09.2010 als 17-Jähriger unter dem damaligen Trainer Branimir Tulic. Insgesamt gelangen ihm zwei Tore. Die Einladung in die A-Nationalmannschaft folgte am 17.11.2010 beim 2:3 Sieg gegen die Slowakei, als er für 11 Minuten ran durfte.

Dass er sich in seiner Karriere auch für Deutschland statt Bosnien hätte entscheiden können weiss er. Besic, dessen Familie aus Falesici kommt, wurde in Berlin geboren, hat neben der bosnischen also auch die deutsche Staatsbürgerschaft. “Wenn mich die Leute fragen, warum ich für Bosnien spiele statt für Deutschland: das liegt an der Verbindung zu dem Land. Als ich 19 war hatte ich die Wahl zwischen Deutschland und Bosnien. Ich entschied mich für Bosnien. Vielleicht wäre es für meine Karriere in Hamburg besser gewesen, wenn ich mich für Deutschland entschieden hätte, aber ich bin immer meinem Herzen gefolgt”, sagte er im Gespräch mit englischen Medien.

 

Doch zurück zum Turnier in Brasilien. “Ich war für fünf oder sechs Jahre lang Innenverteidiger. Bei der WM in Brasilien habe ich zum ersten Mal als defensiver Mittelfeldspieler (auch: 6er) gespielt” – doch das hat er sich überhaupt nicht anmerken lassen. Gleich im ersten Spiel Bosniens bei einer WM überhaupt ging es gegen den Mitfavoriten und späteren Finalisten Argentinien um Lionel Messi, Sergio Agüero, Gonazlo Higuain, Angel di Maria und Co. im legendären Maracana Stadion. Die Bühne war angerichtet. Besic rannte, kämpfte, grätschte, warf sich in jeden Zweikampf. Er spielte sich in die Herzen der Anhänger unserer Nationalmannschaft. Das Spiel wurde mit 2:1 verloren, jedoch schlug sich die ganze Nationalmannschaft aller Ehren wert, Besic stach noch einmal heraus. “Es war eine gute Erfahrung gegen Messi zu spielen”, so Besic hinterher. “Ob ich mein Trikot mit ihm getauscht habe? Nein, nein. Ich behalte meine Trikots immer, denn für Bosnien zu spielen bedeutet mir sehr viel.”

Wie es ist gegen Spieler der Klasse Messi zu spielen? “Wenn man sich die Namen vor dem Spiel vor Augen führt wird man schon ein wenig besorgt, aber wenn ich spiele geht das ganz schnell weg. Man spielt nicht gegen den einzelnen. Es ist nur ein Spieler aus dem Team. Als ich 14 war sagte ich meinem Vater, dass ich einer der besten Spieler der Welt werden würde. Man darf nie aufhören daran zu glauben.”

Nach zwei weiteren Spiele folgte das Vorrundenaus. An Angeboten mangelte es ihm nach seiner Glanzleistung nicht, wie er bestätigt. Klubs aus Spanien, Italien und England hatten Interesse an ihm, aber von vornherein war klar, wohin es gehen sollte. “Englang”, so Besic, “hat die beste Liga der Welt. Ich mag England sehr. Nach der WM kamen Anfragen von Everton und anderen Vereinen aus England, Spanien und Italien. Ich sagte meinem Berater, dass ich nur zu Everton gehen will”, sagte er. Wieso das so gewesen ist? “Roberto Martinez (damals Trainer bei Everton, heute bei der belgischen Nationalmannschaft) ist einer der Gründe, warum ich mich für Everton entschieden habe. Ich habe eine Menge von ihm gelernt.”

 

Wurde der Wechsel zunächst ein wenig kritisch gesehen, konnte er sich auch dort festspielen und sich seinen Platz in der Startelf sichern. Die Fans schätzen ihn vor allem wegen seiner Art zu spielen: körperbetont, aggressiv, technisch versiert – das sieht man in England sehr gerne. “Ich denke die Fans mögen mich deswegen, weil ich in jeden Zweikampf gehe. Hier wird man bejubelt, wenn man einen Zweikampf gewinnt, anders als in Deutschland und Ungarn. Das zeichnet mich aus, es ist meine natürliche Qualität. Ich trainiere es nicht, es kommt von alleine” sagte er einst über seine Spielweise. Was ihn noch auszeichnet sind seine langen Bälle, seine Schüsse aus der Distanz und dass er gerne dribbelt. Des Weiteren übernimmt er gerne Standards.

Der Wechsel in ein ihm völlig fremdes Land ging natürlich mit Problemen einher, welche er jedoch schnell lösen konnte. “Als ich zum ersten Mal hier ankam war es schwer für mich, aber mittlerweile fühle ich mich hier zuhause.” Sein Wille sich durchzusetzen sei dabei von Tag eins vorhanden gewesen. “Ich habe mir am Anfang keinen Tag frei genommen. Ich hatte für fast zwei Jahre gar keine Freizeit. Es lief nicht so, wie ich es erwartete und es war zu Beginn sehr schwer, aber ich denke, dass ich dadurch besser geworden bin. Wenn man sich meine Spiele von vorher und jetzt anschaut, dann kann man feststellen, dass ich mich in vielen Bereichen verbessert habe. Aber ich gewöhne mich immer noch an die Liga und ich werde hart arbeiten, damit ich mein Bestes geben kann.”

Was man bei ihm vielleicht nicht vermuten würde: er ist ein religiöser Mensch. Nicht zuletzt der Glaube half ihm zu Beginn seiner Zeit ihn England. “Religion ist in meinem Leben sehr wichtig. Bis ich 16 war ging ich immer zur Moschee, aber wenn man alleine und ohne Eltern ist verliert man ein wenig die Routine. Ich versuche nun so oft es möglich ist zur Moschee zur gehen und zu beten. Ich bin erwachsen geworden, weswegen mir das wichtig wird. Mit dem Alter will man das mehr und mehr. Man muss entscheiden, was einem im Leben wichtig ist und für mich ist Religion wichtig”, so Besic bezüglich seines Glaubens.

Und was untergeht: er verrichtet gerne Wohltätigkeitsarbeit. “Darüber rede ich nicht gerne, denn es ist sehr privat, aber ich helfe so oft ich kann.” Mit seinem neuen Ruf weiss er mittlerweile besser umzugehen als es noch zu Beginn seiner Karriere der Fall war. “In Bosnien sehen mich die Leute als Vorbild an. Bis ich 18 oder 19 war habe ich das gar nicht realisiert. Nun verstehe ich, wie wichtig ich den Leuten in Bosnien und den Kindern, die zu mir aufsehen, bin. Da sind Edin Dzeko, Miralem Pjanic, Asmir Begovic und nun ich als Vorbild. Ich habe nun verstanden, dass ich mich ändern sollte. Wie zum Beispiel die rote Karte im Spiel gegen Andorra… die Leute sehen sich sowas an, Kinder auch. Man muss also was ändern.”

 

Momentan erholt er sich noch von einer Knieverletzung, welche er sich im Spiel gegen Manchester United in der Saisonvorbereitung zugezogen hat. Mittlerweile trainiert er wieder mit der Mannschaft, doch zu einem Einsatz sollte es noch nicht reichen. Im Januar holte Everton Morgan Schneiderlin von Manchester United, ein direkter Konkurrent für Besic also. Doch nach allem sollte kein Zweifel daran bestehen, dass er in dieser Saison nochmal zum Einsatz kommen wird.