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Sergej Barbarez spricht über Krieg und seine grösste Enttäuschung

Sergej Barbarez spricht über Krieg und seine grösste Enttäuschung

Barbarez über den Krieg und Drohungen gegen sein Mutter

Sergej Barbarez entging dem Krieg nur knapp. Sein Vater und Onkel ahnten, dass die Unruhen im ehemaligen Jugoslawien weiter ausarten könnten. Deshalb schlugen sie dem jungen Barbarez im Winter 1991/92 vor, dass er wieder einmal seinen Onkel in Hannover besuchen könnte. Was Barabrez nicht wusste: Sein Onkel und sein Vater hatten bereits vereinbart, dass er nicht mehr zurückkehren wird, sondern in Deutschland bleiben sollte. Sie fürchteten den Tod ihres geliebten Sohnes und Neffen. Prompt im Anschluss entfachte der Krieg in der alten Heimat. Wäre Barbarez in Jugoslawien geblieben, so wäre er höchstwahrscheinlich in die Armee einbeordert worden. Dies wäre für ihn ein Unding gewesen. Barbarez hat eine totale Abneigung gegen Kriege und zeigt sich mit seiner Aussage als eine wegweisende Identifikationsfigur in der (zerstrittenen) multiethnischen bosnischen Gesellschaft: “Kriege sind immer unsinnig. Meine Mutter ist Kroatin und Muslimin, mein Vater ist orthodoxer Serbe. Dazu kommt noch, dass weder Religion noch Nationalität in meiner Familie je eine große Rolle gespielt haben.”

Sein Vater zog ein paar Wochen später nach Deutschland – nur seine Mutter blieb weil sie meinte, sie müsse auf die Familienwohnung in Mostar aufpassen. Diese hatte fast fatale Folgen für sie – ihr Tod konnte nur knapp verhindert werden. Sie wäre fast zwei Mal vom Boden verschwunden. Die Mutter hätte entführt und anschliessend ermordet werden sollen. Nur Dank vertraulichen Quellen und einer frühzeitigen Warnung konnte die Tragödie abgewendet werden. Sie wurde in Sicherheit gebracht und überlebte.

Auch nach dem Krieg nahm das Unheil nicht ab. Als Barbarez eine Einladung für die “neue” bosnisch-herzegowinische Nationalmannschaft erhielt, wurden erneut Drohungen gegen das Leben seiner Mutter ausgesprochen. Die Politik schaltete sich ein und garantierte den Schutz seiner Mutter. Erst nach diesem Versprechen nahm Barbarez die Einladung der Nationalmannschaft an. Am 14. Mai 1998 debütierte er im Alter von 26 Jahren in Cordoba gegen Argentinien (0:5 Niederlage). Trotz des Krieges und den schwierigsten Umständen gab es für Barbarez nur eine Wahl in Sachen Nationalmannschaft. Obwohl dieser mehrmals von Deutschland geködert wurde und mehrmaliger WM-und EM-Teilnehmer hätte sein können, entschied er sich von Anfang an “lediglich” für die bosnisch-herzegowinische Nationalmannschaft aufzulaufen. Dazu äusserte er sich im Interview wie folgt:

“Es gab damals diese Diskussion, und hätte ich Berti Vogts damals angerufen, wäre ich heute vielleicht mehrmaliger WM- und EM-Teilnehmer. So habe ich kein einziges großes internationales Turnier gespielt. Dennoch: Für mich hat sich die Frage damals nie gestellt, denn ich wollte immer für das Land spielen, in dem ich geboren wurde. Ganz egal, wie klein oder erfolglos die Nationalelf ist.”

Die grosse Enttäuschung

Oktober 2003: Das junge und kriegsgebeutelte Land Bosnien-Herzegowina steht kurz vor seinem ersten Triumph in Form der Qualifikation für die Europameisterschaft 2004 in Portugal. Bosnien-Herzegowina befand sich in einer Gruppe mit Rumänien, Norwegen und Dänemark. Die “Drachen” waren der totale Underdog und überraschten alle Leute und Experten. Im Gruppenhinspiel gegen Dänemark reiste die Nationalmannschaft etwa nur mit 13 Mann, die Gegner und die Presse spotteten: “Wollt ihr Hallenfussball spielen?!”. Das hatte die bosnische-herzegowinischen Nationalspieler motiviert – das Spiel wurde trotz einer Extremsituation mit 0:2 in Kopenhagen gewonnen.

Plötzlich stand die EM-Türe ganz weit offen und Bosnien-Herzegowina vor einem ganz grossen Fussballtriumph. Im letzten EM-Qualifikationsspiel (ebenfalls) gegen Dänemark reichte ein Sieg um sich die direkte Qualifikation zu sichern. Das Spiel endete jedoch mit 1:1 – die Dänen waren die Nutzniesser aus diesem Resultat, die bosnischen Spieler sowie ihre ganze Nation im Tal der Tränen. Sergej Barbarez in einem 11 Freunde Interview über die vermeintlichen Gründe des Scheiterns:

“Das Spiel endete 1:1. Heute denke ich manchmal, dass wir nicht zwei Stunden vor Spielbeginn aufs Feld hätten gehen sollen. Das Asim-Ferhatović-Stadion in Sarajevo war schon am frühen Nachmittag bis auf den letzten Platz gefüllt. Als ich gegen 16 Uhr, zwei Stunden vor Spielbeginn, aus den Katakomben guckte, sah ich in so viele hoffnungsvolle Gesichter. Auf den Tribünen saßen all die Menschen, die in den vergangenen Jahren so viel Leid und Elend erlebt hatten. Wir wollten unbedingt ihre Erwartungen erfüllen – und dann verkrampften wir. Es war einer der emotionalsten und tragischsten Momente meines Lebens. Ich habe nach einem Fußballspiel nie so bitterlich geweint wie an jenem Oktoberabend 2003.”

 

 

 

 

 

 

Quelle: 11 Freunde Interview

 

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